Märchen des Monats

 

 


 Im Dezember 2019

gibt es zu jedem Adventsonntag ein neues

Märchen




Das Lied der bunten Vögel -

ein Märchen aus Ghana

 

In einem Wald lebten fünf Vögel nahe beieinander. Der Erste hatte weiße Federn - so weiß wie die Wolken am Himmel; der Zweite hatte flammend rote Federn - so rot wie die Blüten der Jacaranda-Bäume; der Dritte hatte ein tiefblaues Gefieder - so blau wie der Himmel über Ghana; der Vierte hatte gelbe Federn - so leuchtend gelb wie die saftigsten Zitronen an den Bäumen; und der Fünfte hatte grüne Federn- so grün wie die Blätter im Wald.

Auf der Suche nach Futter, so erzählen die Alten, entdeckten die Vögel, dass bei ihnen im Wald ein alter Mann lebte. Er sei sehr freundlich und großzügig, so erzählten die anderen Tiere. Also spannten die fünf prächtigen Vögel ihre Flügel aus und machten sich auf dem Weg zu ihm. Als sie von oben sein Häuschen entdeckten, stimmten sie ihren schönsten Gesang an, und obwohl alle andere Töne zwitscherten, klang es zusammen wunderschön: Tse Tse Kule sangen die einen, Tse Tse Kunsa die anderen - immer im Wechsel und immer schneller. Es klang als würde ein fröhlicher, vielstimmiger Chor durch die Luft tanzen. „Wir sind Geschwister, keiner kann uns trennen, einer für alle und alle für einen.“ tirilierten sie.

Der alte Mann war hingerissen von dem Gesang und überhäufte die gefiederten Freunde mit dem besten Futter - mit Samenkörnern und Früchten. Das schmeckte den fünf Freunden so gut, dass sie jeden Morgen bei Tagesanbruch wiederkamen und als Dank für ihren betörenden Gesang das beste Futter zum Frühstück bekamen.


Doch irgendwann kam dem Vogel mit den weißen Federn ein Gedanke: `Wenn ich früher als die anderen da bin und alleine singe, bekomme ich die köstlichsten Körner für mich alleine.´ Als gerade die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont strichen, flog der weiße Vogel alleine los. Als er zur Hütte kam, stimmte er sein Tse tse Kule an - doch es gab kein vielstimmiges, fröhliches Lied, sondern nur ein einstimmiges Gepiepse.                                                                              Der alte Mann kam nach draußen, um zu sehen, wer den Lärm veranstaltete. Er erkannte den einsamen weißen Vogel nicht wieder und verscheuchte ihn.                                      

Nur kurz darauf kam der rote Vogel und stimmte sein einsames Lied an.                                                            Danach kamen der blaue, der gelbe und der grüne Vogel angeflogen, und jeder versuchte für sich alleine mit seinem Gesang den Alten dazu zu bringen, ihm die besten Körner auszustreuen, aber jeder wurde von dem Mann fortgejagt, weil es kein Gesang, sondern nur ein piepen war.            Betrübt und hungrig flog jeder Vogel zurück zu seinem Nest.


Es dauerte eine Weile, bis der weiße Vogel von seinem Misserfolg erzählte - dann berichteten auch die anderen von ihrem missratenen Versuch.

Erst herrschte betretenes Schweigen, dann mussten alle lachen, weil sie so dumm und gierig gewesen waren, alles für sich alleine haben zu wollen. Die Fünf beschlossen, künftig nur noch gemeinsam zu singen.

Sie machten sich auf zu dem alten Mann, schließlich hatten alle lange nichts gegessen und waren sehr hungrig. Der Alte freute sich schon, als er die fünf prächtigen Vögel kommen sah. Er berichtete ihnen von den „komischen Vögeln“, die über seiner Hütte aufgetaucht waren und so großen Lärm gemacht hatten.

So schön wie an diesem Abend hatten die fünf Freunde noch nie gesungen. Sie waren wieder vereint und sie hatten gelernt: „Unser Gesang ist schön, wenn wir zusammen singen. Und zu essen bekommen wir etwas, wenn unser Gesang denen Freude macht, die ihn hören.“


"Das Lied der bunten Vögel" singen Kinder aus Ghana zur Weihnachtszeit, wenn sie von Hütte zu Hütte ziehen und um Süßigkeiten bitten.



Quelle: Kobna Anan und Omari Amonde haben aus dem Märchen ein farbenprächtiges Bilderbuch unter dem gleichnamigen Titel "Das Lied der bunten Vögel" im Fischer-Verlag  herausgebracht.




 

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