Märchen des Monats

 

 


 Im Dezember 2019

gibt es zu jedem Adventsonntag ein neues

Märchen


Vom langen Winter

Märchen aus Deutschland


Ein kluger Mann hatte eine dümmliche Frau. Dieser kaufte er einen Ochsen und trug ihr auf, während er im Sommer und Herbst auf Reisen gehen musste, ihn fett zu füttern für den langen Winter. So oft er einmal nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: "Weib, denke an den langen Winter! Füttere mir den Ochsen recht gut, damit er etwas Fettes vorfindet, wenn er kommt, und greife mir das Geld nicht an, das ich hier in den Schubkasten lege, denn das ist auch für den langen Winter." Und so geht er denn wieder auf Reisen seinen Geschäften nach.


Wie der kluge Mann fort ist, da kommt an einem schönen Tage im Herbst einmal ein Fleischer zu der Frau und fragt, ob sie keinen Ochsen zu verkaufen hätte. Die Frau schaut ihn an und sieht, dass er sehr lang und groß ist und fragt, wer er denn sei. "Ich bin der Fleischermeister Winter", antwortet er. "Für mich wird gar mancher Ochse fett gemacht." "Also der lange Winter", ruft die Frau aus und sagt: `Ja, wenn er der lange Winter wäre, da hätten sie auch einen Ochsen für ihn. Er möge nur mit in den Stall kommen, sie wolle ihm das Tier sogleich übergeben.´             

Sie gehen also miteinander in den Ochsenstall, und der lange Winter klopft den Ochsen so recht wohlgefällig auf sein braunes Fell und sagt: `Das wäre doch einmal etwas für ihn. So etwas von Ochsen wäre lange nicht für ihn gemästet worden.´ Da wird die Frau ganz gerührt, dass der lange Winter mit ihrem Ochsen so zufrieden ist und sagt: "Ach, lieber Herr Winter, wenn Ihr wüsstet, wie oft ich an Euch gedacht habe, so oft mein Mann fort war! Den ganzen Tag hab' ich den Ochsen gepflegt und gewartet, damit Ihr ein gutes Stück Fleisch fändet, wenn Ihr kämet. Mein Mann sagte mir aber auch jedes Mal, wenn er hier war: `Frau, denke an den langen Winter.´ Oh, der hält große Stücke auf Euch, das könnt Ihr mir glauben."  Der lange Winter kniff die Frau ein wenig in die Wangen, und sie wurde in ihrem Herzen ganz glücklich darüber, von einem solchen Manne so geehrt zu werden.

Da glaubte der Fleischer, jetzt sei der Augenblick gekommen, wo er mit der Frau den Preis abschließen müsse. Er bot ihr wenig genug, weil sie so gut gelaunt war. Aber die Frau sagte: "Was denkt Ihr von uns? Das ist mir und meinem Manne nicht an der Wiege gesungen, dass wir Ochsen für Geld fett machen sollen, das tun wir nur aus Liebe. Ja, ja, aus Liebe für Euch, Herr Winter, haben wir den Ochsen fett gemacht. Wir haben auch Geld für Euch gespart. Kommt mit herein in die Stube, in der Schublade da liegt es. Es werden so nach und nach fünfzig Taler geworden sein."

Der Fleischermeister staunte, ließ sich aber den Ochsen gefallen und folgte der Frau in die Stube, um auch die fünfzig Taler in die Tasche zu stecken.


Wie sie in die Stube kamen, sagte die Frau: "Herr Winter, Ihr seid doch wirklich sehr lang. Ich bitte Euch, stellt Euch einmal da an den Türahmen, damit ich Euch ordentlich messen kann."

  

Der große Fleischermeister stellte sich auch richtig an den Türrahmen. Die Frau aber nahm etwas Kreide, stieg auf einen Stuhl und machte einen Strich über seinem Kopfe an die Wand. Dann klatschte sie in die Hände und sprach: "Es ist mir lieb, dass ich Euch gemessen habe. Es wird immer so viel vom langen Winter gesprochen, und wenn nun wieder die Rede auf den kommt, so kann ich doch auch mitsprechen und sagen: So und so lang ist er. Oh, den kenn' ich recht gut."

Nun muss sich der Fleischermeister Winter in den Lehnstuhl setzen. Die Frau aber eilt in die Küche, knickt Holz und macht ihm einen Kaffee. Den trinken sie miteinander aus und die Frau ist sehr vergnügt, dass sie nun auch sagen kann, der lange Winter hat einmal bei ihr Kaffee getrunken. Darauf zählt sie ihm die fünfzig Taler vor, und die steckt er in die Tasche.    Nun hilft sie ihm auch noch den Ochsen von der Krippe zu lösen und sieht dem langen Winter noch eine Zeit nach, wie er so wohlgemut mit ihrem Ochsen und ihrem Gelde dahin zieht.

 Bald darauf kam eine andere Frau zu ihr, der sollte sie etwas abkaufen. Da sagte sie ganz schnippisch: "Ich habe jetzt kein Geld. Wenn man Bekanntschaft hat mit dem langen Winter, wie mein Mann und ich, so kann man sein Geld besser gebrauchen."


Das war nun alles recht gut. Als aber der kluge Mann nach Hause kam, und die Frau ihm mit der Botschaft entgegensprang, dass der lange Winter dagewesen sei, und dass sie ihm den Ochsen und das Geld geschenkt habe, da war er sehr unglücklich, denn er sah alle seine Hoffnungen, den Winter hindurch mit seiner Frau zu bestehen, auf einmal gescheitert. Er sagte zu ihr: "Von jetzt an sind wir geschieden. Ich will nichts mehr mit dir zu schaffen haben und so lange gehen, bis ich einen dümmeren Menschen antreffe, als du es bist. Hab' ich den gefunden, so komme ich wieder zu dir. Bis dahin aber leb' wohl."


Er macht sich also wieder auf den Weg und geht eine ganze Strecke weit, findet aber nirgends einen dümmeren Menschen als seine Frau.

Endlich blies der Wind schon ganz winterlich übers Stoppelfeld, und da kommt eine Frau Amtmannin auf einem Schimmel daher geritten. Da bleibt er stehen und sieht fortwährend gen Himmel. Nun ist eine Frau Amtmannin auch neugierig - ebenso gut wie eine Tagelöhnerfrau - und will wissen, was in der Welt vorgeht. Darum hält die Dame ihren Schimmel an und fragt, was er denn da machte und warum er fortwährend gen Himmel sähe. Er aber flüster ihr zu, sie solle nur ruhig sein - er sei soeben vom Himmel gefallen und müsse das Loch in Acht nehmen, wo er herausgefallen sei, damit er wieder hineinkönne, denn hier auf der Erde könne er doch nicht bleiben, das sei nichts für ihn. Wer erst einmal im Himmel gewesen sei, dem komme es hier zu ledern vor.

Wie die Frau Amtmännin das hört, fragt sie sogleich: "Wenn der Herr aus dem Himmel ist, Kennt er dann nicht meinen Sohn, der vor zwei Jahren gestorben ist? " Ja", sagt er, "den kenne ich wohl. Dem geht es oben schlecht, denn weil er vom Lande ist und mit der Wirtschaft Bescheid weiß. Darum muss er oben Futter schneiden für die Tiere, und deren gibt es viele".                                                                             Darüber fängt die Frau Amtmännin gewaltig an zu lamentieren, dass ein Amtmannssohn im Himmel Futter schneiden müsse. Sie sagt: " Das habe ich nicht gedacht! Kann ich meinem Sohne denn wohl mit etwas Geld unter die Arme greifen? Ich habe hier einen Beutel mit tausend Talern. Den sollte ich eigentlich meinem Stiefsohn bringen, der fortwährend in großer Geldverlegenheit ist. Wenn ich aber wüsste, dass meinem verstorbenen Sohne damit geholfen werden könnte, so werde ich ihm auf der Stelle den Beutel mit in den Himmel schicken, denn er ist doch von meinem eigenen Fleisch und Blut, und mein Stiefsohn kann warten.´   Der kluge Mann sagte: "Das Geld will ich schon besorgen. Ich sehe ihren Sohn im Himmel alle Tage." Die Frau gibt ihm also den Beutel. Er sagt: "Da ich nun einmal auf der Erde bin, so will ich doch hier auch meine Verwandten einmal besuchen. Das Loch im Himmel, woraus ich gefallen bin, habe ich mir genau gemerkt, darauf können Sie sich verlassen. Morgen um diese Zeit hat ihr Sohn im Himmel schon das Geld in Händen." Und damit geht er seiner Wege.


Die Frau aber reitet nach Hause und verkündigt ihrem Manne hocherfreut, dass sie Gelegenheit gefunden habe, Botschaft aus dem Himmel zu bekommen, und dass sie ihrem rechten Sohne die tausend Taler mitgeschickt hat.                           Was will der Amtmann tun? Er besteigt sogleich den Schimmel, um denjenigen zu verfolgen, der seiner Frau die tausend Taler abgeschwatzt hat. Und weil er ein sehr praktischer Mann gewesen ist, und gern zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hat, so steckt er von neuem tausend Taler ein. Die will er bei der Gelegenheit seinem noch lebenden Sohne überbringen.


Wie der kluge Mann den Schimmel ankommen sieht, versteckt er seinen Beutel mit den tausend Talern vor einer Hecke und spaziert ganz langsam des Weges.                     Als der Amtmann bei ihm ist, fragt er ihn, ob er hier niemanden so recht gefährlich habe laufen sehen? Es habe hier einer seiner Frau tausend Taler abgenommen, der müsse wohl an ihm vorbeigerannt sein. "O ja", sagt der kluge Mann, "es ist jemand daher gerannt, als ob der Jäger hinter ihm wäre, und wie er den Schimmel gesehen hat, da ist er mit einem Satze durch die Dornenhecke dort gesprungen! Dahinter muss er sich wohl versteckt halten!"       Da dankt ihm der Amtmann vielmals, dass er ihm so gute Auskunft gegeben hat, und sagt: " Jetzt will ich den Halunken schon fassen!"                                                                            Er steigt von seinen Schimmel herunter, bittet den klugen Mann, ihm den Schimmel ein wenig zu halten, und klemmt seinen dicken Amtmannsbauch mühsam durch die Dornhecke hindurch.


Wie er mit ganz zerfetztem Rocke endlich hindurch ist und auf der anderen Seite der Dornenhecke den Spitzbuben sucht, holt der kluge Mann den Beutel mit den tausend Talern, die er versteckt hat, wieder hervor, und tut sie zu den neuen tausend Talern, die der Amtmann seinem Sohne hat bringen wollen und die er im Mantelsacke hat stecken lassen. Darauf besteigt er den Schimmel, jagt heim zu seiner Frau und verkündigt ihr, dass er einen Amtmann und eine Amtmännin gefunden hat, die noch dümmer seien als sie.

An dem Tage, an dem er zurückkam, fiel der erste Schnee in diesem Jahre, und als nun der richtige lange Winter kam, da fand er mehr als der unrechte Winter gefunden hatte - und der kluge Mann lebte an den langen Winterabenden recht vergnügt mit seiner dummen Frau. 

Der Amtmann aber, als er an jenem Tage zu seiner Frau heimkam, sprach zu ihr: "Frau, nun hab' ich unserm Sohne im Himmelreich die andern tausend Taler auch noch mitgegeben und auch den Schimmel, damit er doch oben auch reiten kann, wie die andern Engel, für deren Tiere er Futter schneiden muss." Damit war die Amtmännin gar wohl zufrieden, denn sie meinte, es schicke sich nicht für einen Engel, der ein Amtmannssohn sei, dass er im Himmel zu Fuß gehe.

  

                                     


Quelle:

Heinrich Pröhle: Kinder- und Volksmärchen. Leipzig 1853, S. 157-162.







 

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