Märchen des Monats

 

 


 Oktober 2019



Agar Agarowitsch


Russisches Märchen von der Weißmeerküste

 

Es lebten einmal ein Alter und eine Alte, die hatten einen Sohn und eine Tochter. Früher war das Land nicht so dicht besiedelt. Dieser Alte lebte mit seiner Alten sein Leben, und dann starben sie. Der Bruder geht auf die Jagd, die Schwester arbeitet immer im Haus, führt das Haus.

Da traf einmal der Bruder, Josha hieß er, im Wald mit dem Zar Agar Agarowitsch zusammen. Sie kamen ins Gespräch: "Mit wem lebst du zusammen?" fragte der Zar den Bruder.  "Ich lebe zu zweit mit meiner Schwester Marfa. Unsere Eltern sind gestorben." "Und was hast du für eine Schwester?" "Meine Schwester ist so: Fängt sie an zu lachen, so wirbelt sie ringsum Perlen auf, fängt sie an zu weinen, so weint sie Gold."                                                                                          Da sagt Agar Agarowitsch: "Gib sie mir zur Frau." Der Bruder sagt: "Ich weiß nicht, ob sie einverstanden sein wird." " "Nun", sagt er, "so frage sie! Morgen treffen wir hier wieder zusammen."

Nicht ganz fröhlich kommt Josha nach Hause, und die Schwester fragt ihn: Warum bist du nicht so fröhlich?"  "Ach was!", brummelt er und vertraut sich ihr zuerst nicht an. Sie setzen sich, essen, trinken, und dann sagt er: "Also, ich traf im Wald den Zaren Agar Agarowitsch, und er wirbt um dich. Willigst du ein ihn zu heiraten?" Marfa sagt: " Ich willige ein!"

Nun, am Morgen geht der Bruder auf die Jagd. An der gleichen Stelle traf er mit Agar Agarowitsch zusammen. Der Zar fragt: "Willigt deine Schwester ein, mich zu heiraten?" "Ja!" 

"Gut" , sagt Agar Agarowitsch,

"wenn man morgen die Glocke läutet, soll sie sich waschen;

läutet sie zum zweiten Mal, soll sie sich abtrocknen;

läutet sie zum dritten Mal, soll sie ihre Schuhe anziehen;

läutet sie zum vierten Mal, soll sie ihr Kleidchen überziehen;

läutet sie zum fünften Mal, so soll sie ins Vorhaus hinausgehen;                                                                              läutet es zum sechsten Mal, soll sie auf die Treppe hinaustreten;

läutet es zum siebten Mal, so wird sie abgeholt. "

 

Sie saßen zusammen, unterhielten sich noch etwas, nahmen Abschied und gingen auseinander.

 

Am Abend kam Josha von der Jagd nach Hause und begann, der Marfa zu erzählen:

"Wenn man morgen die Glocke läutet, so wasche dich;

läutet sie zum zweiten Mal, so trockne dich ab;

läutet sie zum dritten Mal, so ziehe deine Schuhe an ;

läutet sie zum vierten Mal, so ziehe dir dein Kleidchen über;

läutet sie zum fünften Mal, so gehe ins Vorhaus hinaus ;     läutet es zum sechsten Mal, tritt auf die Treppe hinaus;

läutet es zum siebten Mal, so wirst du abgeholt. "

 

Der Morgen kam, man läutete die Glocke. Marfa, die Bauerntochter stand auf, um sich zu waschen. Da kam von ungefähr die Hexe Baba Jaga daher. " Oh, Marfa," sagte sie, " was hast du für eine gute Seife! Meine Tochter Jagascha aber hat überhaupt nichts!" Da gab Marfa ihre Seife hin und nahm sich eine bessere.                                                                      Zum zweiten Mal läutete man, da begann sie sich abzutrocknen. "Ach was hast du für ein schönes, weiches Handtuch, Marfa. Meine arme Jagascha hat gar nichts!"         So gab Marfa ihr Handtuch fort und nahm sich ein besseres.                                                                              Zum dritten Mal läutete es, da begann sie ihre Schuhe anzuziehen. "Oh, was hast du für schöne Schuhe. Meine Jagascha hat keine!" Da gab Marfa ihre Schuhe fort und nahm sich bessere.                                                                  Zum vierten Mal läutete man, da begann sie, sich ihr Kleid über die Schultern zu ziehen. "Ach je, ach je, was für ein schönes Kleid du hast! Meine Jagascha hat nur Lumpen!" Da streifte Marfa das Kleid ab, gab es Baba Jaga und nahm sich ein besseres.                                                                             Zum fünften Mal wurde geläutet, da trat Marfa in das Vorhaus hinaus.                                                                                   Als man aber zum sechsten Mal läutete, da schlug die Hexe sie mit einer kleinen Rute auf den Arm, und verwandelte sie in einen Vogel. Dann schob sie ihre Tochter Jagascha auf die Treppe.

Die Diener des Zaren kamen mit einer Kutsche vorgefahren. Sie wussten gar nichts, führten sie fort, und bald vermählte sich Agar Agarowitsch mit ihr, denn er hatte seine Braut ja auch vor der Hochzeit nicht gesehen.

So lebt Jagascha als Zarin dahin. Fängt sie an zu lachen, so fliegt nur Spucke umher; fängt sie an zu weinen, rollen Tränen wie bei allen Menschen, über ihr Gesicht. Da spricht Agar Agarowitsch :" Ihr Bruder hat gesagt, dass sie ringsum Perlen aufwirbelt, wenn sie zu lachen beginnt - wenn sie zu weinen beginnt, so weint sie Gold. Aber seht doch nur einmal an, wie es wirklich ist! " Und er nahm den Josha und warf ihn ins Gefängnis. Der Bruder sitzt dort und weiß selbst nicht, wofür.


Er sitzt da lange Zeit, weiß nichts und erfährt nichts.

Plötzlich fliegt in der Nacht ein Vogel in den Schlosshof, der fragt: " Schläft Agar Agarowitsch mit seiner jungen Frau Jagascha?" Die Diener antworten: "Er schläft." "Und schläft mein Brüderchen im Gefängnis?" "Nein, er schläft nicht.", antworten die Diener. "So führt mich zu ihm!"

Auf dem Gefängnishof reißt sich der Vogel das Federkleid herunter, riß noch eine zweite und eine dritte Haut vom Körper, und stand plötzlich als ein schönes Mädchen da. Marfa ging zu ihrem Bruder ins Gefängnis. Da setzt sie sich hin und weint und weint - weint einen Haufen Gold zusammen, dann lacht sie einen zweiten Haufen mit Perlen. Da erkannte der Bruder Josha, warum er im Gefängnis sitzt. Die Diener betraten an jenen Abend aber nicht Joshas Zelle - sie fegten sie nicht aus, sie wischten nicht den Staub. Sie wissen nichts

 

Es kommt der nächste Abend. Wieder kommt der Vogel auf den Schlosshof geflogen und fängt wieder an zu rufen: : "Schläft Agar Agarowitsch mit seiner jungen Frau Jagascha?" Die Diener antworten: "Er schläft." "Und schläft mein Brüderchen im Gefängnis?" "Nein, er schläft nicht.", antworten die Diener. "So führt mich zu ihm!"

Auf dem Gefängnishof reißt sich der Vogel wiederum das Federkleid herunter, riß noch die zweite und die dritte Haut vom Körper, und stand plötzlich als ein so schönes Mädchen da, das es weder im Märchen zu erzählen noch mit der Feder zu beschreiben ist. Wieder ging sie zu ihrem Bruder ins Gefängnis. Da setzte sie sich hin und weinte und weinte - weinte einen Haufen Gold zusammen, dann lachte sie einen zweiten aus Perlen. Wieder begann das Morgenrot aufzuziehen und wieder verwandelte sie sich in einen Vogel und flog davon.

Am Tage kamen die Gefängniswärter, um auszufegen. Und sie fegten bei dem Bruder in seiner Zelle einen Haufen Gold zusammen und einen zweiten aus Perlen. Und dann gingen sie und meldeten dem Zaren: " Da kam in der letzten Nacht ein Vogel in den Schlosshof geflogen, der fragte: ` Schläft Agar Agarowitsch mit seiner jungen Frau Jagascha?´ Wir antworten: "Er schläft." Da sagte der Vogel: "Und schläft mein Brüderchen im Gefängnis?" "Nein, er schläft nicht.". Sagte er: "So führt mich zu ihm!" Das taten wir. Und heute gingen wir in die Zelle, um auszufegen und fegten einen Haufen Gold zusammen und einen zweiten mit Perlen." Da sagte Agar Agarowitsch: " Wenn der Vogel heute Abend wieder kommt, so sagt es mir."

Als es Abend geworden ist, kommt der Vogel wiederum zu den Wächtern geflogen und ruft sein Sprüchlein und die Wärter antworten, wie an den Abenden zuvor. Da riss sich der Vogel das Gefieder herunter, auch die zweite und die dritte Haut, und stand wieder da als das wunderschöne Mädchen, schöner als Diamanten und Jade. Sie betrat wieder die Zelle des Bruders, weinte Gold und lachte, dass die Perlen umherwirbelten

Agar Agarowitsch sagte man: "Das Vogelmädchen ist gekommen. Sie ist ins Gefängnis zu ihrem Bruder gegangen." Dann befahl er, in der Küche den Ofen zu heizen, darin das Federkleid und die Häute zu verbrennen.                               Als der Ofen glühte warfen sie das Federkleid hinein. Es knisterte. Marfa aber sagte: "Oh weh mir, brennen da nicht meine Federn?" "Nein", antwortet man, "der Zar will Plinsen haben. Der Koch bäckt Plinsen!"                                        Dann warfen sie die zweite Haut ins Feuer. Es zischte- "Oh weh, brennt da nicht meine Haut?" rief das Mädchen. "Nein, der Zar will Pelemi haben. Sie kochen Pelemi!"                  Dann warfen sie die dritte Haut in die Flammen: "Oh weia, brennt da nicht meine feinste Haut?" weinte Marja. "Aber nein, der Zar verlangt Piroggen. Der Koch macht Piroggen für ihn."

Marfa saß eine Weile da, dann lief sie auf den Hof, um nach ihren Häuten zu sehen, aber die waren schon ganz zu Asche verbrannt und sie konnte nicht mehr fliegen. Agar Agarowitsch schloss sie in seine Arme und hielt sie ganz fest.                                                                                         Da rauschte es über ihnen durch die Lüfte und sie sahen den fliegenden Mörser der Hexe Baba Jaga, in dem sie mit ihrer Tochter saß und schnell davonflog.

Agar Agarowitsch aber ließ gleich den Bruder Josha aus dem Gefängnis holen, und dann wurde ein rauschendes Hochzeitsfest gefeiert, zu dem Gäste aus siebenmalsieben Zarenreichen anreisten.

Weißt du es noch? Wir tranken Wodka aus Kannen und tanzten Pivna Jagoda und Kasatschok sieben Tage und Nächte.

 

Quelle: Ulf Diederichs, Der Märchenpalast, Bd. 3, S. 125 / 128, Weltbild-Verlag , teilweise neu erzählt von Annegret Hachenberg

 

 

 


 

 

 

 

 

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