Märchen des Monats

 

 


 August 2019


Der Ursprung der Bäder

Märchen aus Rumänien

Vor langer, langer Zeit, als noch Gott und der heilige Petrus öfters auf der Welt wandelten, sagte er an einem Tage im Herbst zu Petrus: »Du Petrus, komm, wir gehen einmal in das Weinland, damit wir sehen, ob die Menschen noch dort noch fromm und ehrlich sind.« – »Ich komme.« Petrus nahm den Stock und Tornister, und sie lenkten ihre Schritte auf die Straße.

Als sie fast einen Tag gewandert, kamen sie an einem Weingarten vorbei, der nahe an einem Dorf lag und in drei Teile geteilt war. In diesem Dorf hatte ein armer Mann gelebt, der nichts gehabt hatte als diesen Weingarten und drei Söhne. Als er gestorben war, hatten die drei Brüder den Weingarten geteilt, und weil sie zu arm waren, um einen Hüter zu bezahlen, hüteten sie den Weingarten selber der Reihe nach.                                                                                                  »Ich bin so durstig, wie möchte ich doch eine Traube essen«, sagte Petrus. Gott bat den Jüngling um eine Traube. An dem Tage hütete der Älteste den Weingarten. Der ging gleich und brachte zwei der schönsten süßen Trauben herbei. Die hatte er aber aus seines Bruders Teil gepflückt. Gott nahm sie und warf sie weg, sie waren gestohlen.                                                                                                    Am nächsten Tage hütete der mittlere Bruder. Gott kam wieder vorbei und bat um eine Traube, und der Jüngling brachte sogleich zwei schöne Trauben aus dem Weingarten des Jüngsten. Gott nahm sie und warf sie in den Graben neben der Straße - sie waren gestohlen.

Er ging mit Petrus für die Nacht in das Dorf. Gott weiß alles. Er wusste, dass im Dorf ein reicher Mann wohnte, der eine schöne Tochter hatte. Jetzt dachte Gott, er wolle probieren, ob dieses Mädchen Glauben und ein gutes Herz habe.           Er klopfte ans Fenster und bat um Herberge für die Nacht. Der Hausherr rief sie herein und lud sie an seinen Tisch ein. Das Mädchen lief gleich, kochte Paluckes, brachte in einer Schüssel Milch und bat die Fremden mit freundlichen Worten zu essen. Sie würden doch sicher hungrig sein und müde vom weiten Wandern.                                                           Der Alte brachte auch Branntwein und ehrte die Fremden, wie es sich gehört.                                                                            Als sie gegessen hatten, brachte die Tochter Stroh herbei, bereitete ein Bett, damit sie sich ausruhen und am nächsten Morgen mit Gottes Segen weitergehen könnten. Dieses Mädchen gefiel Gott.

Am Morgen brachen sie auf und kamen wieder am Weingarten vorbei. Jetzt bewachte ihn der Jüngste. Gott bat um eine Traube. Der Bursche brachte gleich ein Körbchen, voll mit den schönsten Früchten, und zwar aus seinem eignen Teil. Gott nahm sie und aß sie mit Petrus mit Genuss, denn diese waren nicht gestohlen, sie waren aus ganzem Herzen geschenkt.                                                                              Als sie gegessen hatten, sprach Gott zum Jüngling: »Mein Sohn, was wünschst du dir von Gott?« – »Was soll ich wünschen? Ich wünsche mir eine gute Frau, die auch den Glauben hat, welchen ich habe.« –»Komm mit uns. Ich weiß ein Mädchen, wie du es dir wünschst. Ich will dir Nanu (Pate) bei der Brautwerbung sein.«                                                 Und jetzt gingen sie alle drei auf die Freite. Der Jüngling ging mit den beiden. Er wusste aber nicht, dass er mit Gott und dem heiligen Petrus ging.

Als sie in das Haus kamen und das Mädchen den Burschen sah, gefiel er ihr gleich, und bald machten sie Hochzeit.

Petrus schenkte ihnen vier Pferde und einen Wagen. Aber Gott fragte sie, was sie sich von Gott wünschten? Der junge Mann antwortete: »Gott hat mir eine gute Frau gegeben, gläubig wie ich. Wenn mir jetzt auch noch ein Wunsch zukäme, würde ich bitten um ein gemauertes Haus an einem See. Das Wasser in diesem See soll heilkräftig sein, dass ich die kranken Menschen, welche zu mir kommen, heilen kann.« Gott sprach: »Gott gebe dir, was du wünschest, mein Hinule« (so nennt der Pate den jungen Mann nach der Trauung, der junge Mann nennt den Paten Nanasch oder Nanu). »Aber jetzt setze dich mit deiner jungen Frau auf den Wagen und fahrt immer auf dem rechten Wege, bis ihr an das gemauerte Haus am See kommt. Es soll euch gehören, und ihr lebt dort in Frieden und Gesundheit, so wie ihr bis jetzt gelebt habt im Glauben an Gott. Auch wir beiden machen uns jetzt auf unsern Weg, denn lange haben wir uns mit dieser Hochzeit aufgehalten.«                                                                       Das junge Paar dankte, und dann brachen zuerst die zwei Fremden zu Fuß auf. Der junge Mann schirrte schnell die Pferde an den Wagen, um die beiden bald einzuholen und auch auf dem Wagen mitzunehmen, aber sie waren nirgends mehr zu sehen. Gott und der heilige Petrus hatten sich sogleich in den Himmel erhoben, um nach ihrer Arbeit zu sehen.


Das junge Paar fuhr - wie lange die Beiden gefahren sein werden, wissen wir nicht - bis sie an einen klaren See kamen, der sich neben der Straße hinzog.                                            Am See kamen sie bald zu einem großen Hof mit einem gemauerten Haus und Ställen, umgeben von einem schönen Garten mit Obstbäumen - darunter war ein feiner Schatten. In der Türe stand eine Magd, das Tor wurde von einem Knecht weit geöffnet, damit der Herr mit der jungen Herrin hereinfahren könne.

Dort fingen die beiden das Leben an, wie sie es sich vorgenommen hatten. Die Kranken ließen sie im See baden, versorgten und pflegten sie, wie es sich gehört, und ließen sie bei gutem Wetter im Schatten der Obstbäume ruhen. Zuerst kamen nur einige, dann immer mehr, und alle, welche in dem Wasser gebadet hatten, wurden gesund.

Ein Jahr verging um das andere, da kam Gott sein Hinu in den Sinn, und er dachte, einmal nachzusehen, ob er gut geblieben wäre im Glauben an Gott.                                      Er nahm die Gestalt eines alten Krüppels an und legte sich neben den See. Da sah ihn der junge Mann liegen und rief gleich nach seiner Frau: »Komm Frau! Sieh, es liegt ein alter krüppeliger Großvater da. Wir wollen ihn ins Haus tragen.«    Sie kam schnell herbei, entschuldigte sich, wenn sie ihn zu lange habe liegen lassen, sie hätte im Hause zu tun gehabt und nicht zum Fenster hinausgesehen.

Jetzt bemühten sich beide, den Alten aufzuheben und ins Haus zu tragen, konnten ihn aber nicht bewegen. Sie fasste ihn an den Händen, er an den Füßen. »Geh und bring den Wagen«, sagte sie zu ihrem Mann. Er ging und zog den Wagen herbei. Nun gelang es ihnen mit großer Anstrengung, den Alten hinaufzuheben, aber der Wagen ließ sich nicht von der Stelle bewegen. »Geh du und bring ein Pferd.« Sie ging und brachte es, aber noch immer blieb der Wagen wie angenagelt stehen. Er brachte auch das Zweite - gleichviel, der Wagen rührte sich nicht, auch das Dritte, aber erst, als alle vier Pferde vor dem Wagen standen, ließ er sich leicht bewegen, und sie fuhren bis an die Türe. Dann trugen beide den alten Mann auf den Händen ins Haus.

Gott aber freute sich, als er sah, wie sein Hinu und seine Hina sich um die Kranken bemühten und nicht danach fragten, ob die Kranken auch Geld hätten, um zu bezahlen oder nicht, und wie sie im Glauben an Gott lebten. Und als er sah, wie viele Kranke die Gesundheit durch das Wasser erlangten, ging er weiter und heiligte viele Wasser auch in andern Ländern.

Das ist der Ursprung der Heilbäder.

 

Quelle; Rumänien: Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal

gefunden auf www, märchenbasar.de

 

Sprachlich überarbeit von Annegret Hachenberg

 


 


 

 

 

 

 

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